Blogreihe:

Logotherapie in der Praxis - Was ich von meinen Klientinnen und Klienten über das Leben lerne

Mein Herz schlägt für mich

Über einen Moment, in dem das eigene Leben wieder spürbar wird

Veröffentlicht am 27. Juli 2026

Gabriele Hradetzky sitz an einem Tisch

Es gibt Sätze aus Therapiesitzungen, die mich noch lange begleiten. Nicht, weil sie besonders klug oder außergewöhnlich sind. Sondern weil in ihnen plötzlich etwas sichtbar wird, das sich kaum in Worte fassen lässt.

Einer dieser Sätze lautet:
„Mein Herz schlägt für mich.“

Als meine Klientin ihn aussprach, wurde es still. Nicht nur im Raum. Auch in mir.

Ich hatte das Gefühl, Zeugin eines Augenblicks zu sein, in dem ein Mensch sich selbst auf eine neue Weise begegnete.

Dabei hatte unsere gemeinsame Arbeit mit einer tiefen Erschütterung begonnen. Eine berufliche Krise hatte meine Klientin schwer getroffen. Doch bald zeigte sich, dass nicht nur ihre berufliche Rolle infrage gestellt war. In ihr war eine alte Überzeugung wieder lebendig geworden:

Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin nichts wert.

Diese Überzeugung war nicht neu.

Als Kind hatte sie durch die Trennung ihrer Eltern innerhalb kurzer Zeit vieles verloren, was ihr Halt gegeben hatte. In wichtigen Beziehungen erlebte sie sich wie aus der Beziehung gefallen.

Was damals für sie nicht zu verstehen war, deutete sie gegen sich selbst:

Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.

Viele Jahre später schien die berufliche Krise genau diese alte Überzeugung zu bestätigen. In einer späteren Sitzung arbeiteten wir mit einer inneren Übung.

Sie begegnete ihrer Leichtigkeit.
Sie beschrieb, wie ihr Atem freier wurde und etwas von der Schwere nachließ.

Ich lud sie ein, die Leichtigkeit zu bitten, ihre Hand auf ihr Herz zu legen.
Es entstand eine lange Stille. Dann sagte sie: „Ich fühle mich mit mir verbunden.“

Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Das Schwere wird leicht.“
Wieder wurde es still. Schließlich kamen ihr die Tränen.

Dann sagte sie: „Mein Herz schlägt für mich.“

Ich spürte, dass in diesem Augenblick etwas Wesentliches geschehen war. Der Satz war nicht aus einer Überlegung entstanden. Er war keine positive Selbstbekräftigung und kein Satz, den sie sich vorgenommen hatte.

Er kam aus einer unmittelbaren Erfahrung.

Für einen Moment erlebte meine Klientin sich nicht mehr nur durch die Augen ihrer alten Geschichte. Sie spürte etwas in sich, das lebendig war und zu ihr gehörte – unabhängig von Leistung, Anerkennung und dem Urteil anderer.

Ihre Vergangenheit war dadurch nicht verschwunden. Auch ihre Verletzungen waren nicht ungeschehen. Aber etwas Neues war hinzugekommen.

Seit dieser Sitzung begleitet mich der Gedanke, dass Veränderung nicht immer mit einer großen Erkenntnis beginnt.

Manchmal beginnt sie in einem stillen Augenblick, in dem ein Mensch nicht nur versteht, sondern sich selbst auf eine neue Weise erfährt.

Von dieser Klientin habe ich gelernt, solchen Augenblicken zu vertrauen.

Die Geschichte wurde mit dem Einverständnis der Klientin veröffentlicht und zum Schutz ihrer Identität in wesentlichen biografischen und beruflichen Einzelheiten verändert. Sie beschreibt einen individuellen therapeutischen Prozess und kein allgemeines Heilungsversprechen.


 

Vielleicht kämpfen Sie gegen den falschen Gegner

Warum unangenehme Gefühle manchmal Wegweiser und nicht Feinde sind

Veröffentlicht am 10. Juli 2026

„Ich bin erschöpft.“ Diesen Satz höre ich immer wieder.

„Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es ist alles so kompliziert. Ich finde keinen Ausweg mehr. Ich drehe mich im Kreis.“

Wenn Menschen mit diesen Worten zu mir kommen, versuche ich zunächst nicht, Lösungen anzubieten. Ich möchte zuerst verstehen. Und ich möchte einen Raum schaffen, in dem ein Mensch sich mit allem zeigen darf, was ihn bewegt. Ohne sich zusammenreißen zu müssen. Ohne sofort funktionieren zu müssen. Ohne erklären zu müssen, warum er so fühlt.

Denn ich habe in meiner Arbeit etwas gelernt:

Viele Menschen leiden nicht nur unter ihrem Schmerz. Sie leiden vor allem unter dem unermüdlichen Kampf gegen ihn. Veränderung beginnt dort, wo ein Mensch sich wirklich verstanden und angenommen fühlt.

Vor einiger Zeit begleitete ich eine Frau, die viele schwere Verluste erlebt hatte. Schon als Jugendliche verlor sie beide Eltern. Früh hatte sie gelernt, dass sie stark sein musste, weil niemand sie auffangen konnte.

Über viele Jahre wurde daraus ihre Lebensregel: „Ich muss stark sein, sonst gehe ich unter.“

Sie kämpfte. Gegen ihre Erschöpfung. Gegen ihre Traurigkeit. Gegen ihre Angst. Vor allem aber kämpfte sie gegen sich selbst.

Als sie zu mir kam, war sie müde vom Kämpfen. In den ersten Gesprächen ging es nicht darum, ihre Gefühle zu verändern. Es ging darum, ihnen einen Platz zu geben. Langsam entstand Vertrauen. Nicht, weil plötzlich alles leichter wurde. Sondern weil sie die Erfahrung machte, dass ihr Schmerz nicht erschreckte. Dass er ausgesprochen werden durfte. Dass sie ihn nicht länger allein tragen musste.

Später fragte ich sie, was ihr in unserer gemeinsamen Arbeit am meisten geholfen habe. Ihre Antwort hat mich berührt: „Dadurch, dass ich die Erfahrung machte, mit meinem Schmerz nicht allein zu sein.“

Seit diesem Gespräch begleitet mich die Frage, warum wir Menschen oft mehr Kraft darauf verwenden, unsere Gefühle zu bekämpfen, als sie zu verstehen.

Viele Menschen glauben, sie müssten ihre Angst, ihre Traurigkeit oder ihre Wut erst überwinden, bevor sie wieder leben können.

Meine Erfahrung ist eine andere. Nicht die Gefühle selbst nehmen uns die Kraft. Oft ist es der jahrelange Kampf gegen sie. Und manchmal beginnt Veränderung genau dort:

Für einen Augenblick aufzuhören, gegen sich selbst zu kämpfen. Die Gefühle, die da sind, wahrzunehmen. Nicht alles auf einmal. Nicht ohne Angst. Aber in einer Beziehung, die Sicherheit gibt. Mit jeder Erfahrung, verstanden und getragen zu werden, wächst Vertrauen.

Und irgendwann geschieht etwas Überraschendes: Die befürchtete Welle kommt. Aber sie reißt uns nicht fort.

Vielleicht kämpfen auch Sie gerade gegen etwas, das eigentlich gesehen werden möchte. Angst, Schuld, Trauer oder Wut lassen sich oft schwer allein anschauen. Manchmal fühlt sich das Leben an, wie ein Boot im Sturm.

Die Wellen sind hoch. Die Richtung ist unklar. Und man weiß nicht, ob man das Ufer wieder erreicht. Dann kann es helfen, jemanden an der Seite zu haben, der ruhig bleibt. Der nicht gegen die Wellen kämpft. Sondern mit Ihnen hindurchgeht.

Ich glaube, dass wir Menschen vieles tragen können. Nicht, weil wir immer stark sind. Sondern weil wir nicht alles allein tragen müssen.

Vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt zurück ins Leben.

Gabriele Hradetzky
Logotherapeutin & Existenzanalytikerin nach Viktor Frankl
Heilpraktikerin für Psychotherapie



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