Blogreihe:

Logotherapie in der Praxis - Was ich durch meine Klienten über das Leben lerne

Vielleicht kämpfen Sie gegen den falschen Gegner

Warum unangenehme Gefühle manchmal Wegweiser und nicht Feinde sind

„Ich bin erschöpft.“ Diesen Satz höre ich immer wieder.

„Ich weiß nicht mehr weiter. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Es ist alles so kompliziert. Ich finde keinen Ausweg mehr. Ich drehe mich im Kreis.“

Wenn Menschen mit diesen Worten zu mir kommen, versuche ich zunächst nicht, Lösungen anzubieten. Ich möchte zuerst verstehen. Und ich möchte einen Raum schaffen, in dem ein Mensch sich mit allem zeigen darf, was ihn bewegt. Ohne sich zusammenreißen zu müssen. Ohne sofort funktionieren zu müssen. Ohne erklären zu müssen, warum er so fühlt.

Denn ich habe in meiner Arbeit etwas gelernt:

Viele Menschen leiden nicht nur unter ihrem Schmerz. Sie leiden vor allem unter dem unermüdlichen Kampf gegen ihn. Veränderung beginnt dort, wo ein Mensch sich wirklich verstanden und angenommen fühlt.

Vor einiger Zeit begleitete ich eine Frau, die viele schwere Verluste erlebt hatte. Schon als Jugendliche verlor sie beide Eltern. Früh hatte sie gelernt, dass sie stark sein musste, weil niemand sie auffangen konnte.

Über viele Jahre wurde daraus ihre Lebensregel: „Ich muss stark sein, sonst gehe ich unter.“

Sie kämpfte. Gegen ihre Erschöpfung. Gegen ihre Traurigkeit. Gegen ihre Angst. Vor allem aber kämpfte sie gegen sich selbst.

Als sie zu mir kam, war sie müde vom Kämpfen. In den ersten Gesprächen ging es nicht darum, ihre Gefühle zu verändern. Es ging darum, ihnen einen Platz zu geben. Langsam entstand Vertrauen. Nicht, weil plötzlich alles leichter wurde. Sondern weil sie die Erfahrung machte, dass ihr Schmerz nicht erschreckte. Dass er ausgesprochen werden durfte. Dass sie ihn nicht länger allein tragen musste.

Später fragte ich sie, was ihr in unserer gemeinsamen Arbeit am meisten geholfen habe. Ihre Antwort hat mich berührt: „Dadurch, dass ich die Erfahrung machte, mit meinem Schmerz nicht allein zu sein.“

Seit diesem Gespräch begleitet mich die Frage, warum wir Menschen oft mehr Kraft darauf verwenden, unsere Gefühle zu bekämpfen, als sie zu verstehen.

Viele Menschen glauben, sie müssten ihre Angst, ihre Traurigkeit oder ihre Wut erst überwinden, bevor sie wieder leben können.

Meine Erfahrung ist eine andere. Nicht die Gefühle selbst nehmen uns die Kraft. Oft ist es der jahrelange Kampf gegen sie. Und manchmal beginnt Veränderung genau dort:

Für einen Augenblick aufzuhören, gegen sich selbst zu kämpfen. Die Gefühle, die da sind, wahrzunehmen. Nicht alles auf einmal. Nicht ohne Angst. Aber in einer Beziehung, die Sicherheit gibt. Mit jeder Erfahrung, verstanden und getragen zu werden, wächst Vertrauen.

Und irgendwann geschieht etwas Überraschendes: Die befürchtete Welle kommt. Aber sie reißt uns nicht fort.

Vielleicht kämpfen auch Sie gerade gegen etwas, das eigentlich gesehen werden möchte. Angst, Schuld, Trauer oder Wut lassen sich oft schwer allein anschauen. Manchmal fühlt sich das Leben an, wie ein Boot im Sturm.

Die Wellen sind hoch. Die Richtung ist unklar. Und man weiß nicht, ob man das Ufer wieder erreicht. Dann kann es helfen, jemanden an der Seite zu haben, der ruhig bleibt. Der nicht gegen die Wellen kämpft. Sondern mit Ihnen hindurchgeht.

Ich glaube, dass wir Menschen vieles tragen können. Nicht, weil wir immer stark sind. Sondern weil wir nicht alles allein tragen müssen.

Vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt zurück ins Leben.

Gabriele Hradetzky
Logotherapeutin & Existenzanalytikerin nach Viktor Frankl
Heilpraktikerin für Psychotherapie



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